18.05.04 10:32 Age: 12 yrs

Zur Ausstellung und Produktlancierung PROTOPLAST

Category: press monitoring

By: Kiki Seiler-Michalitsi

Die Kuratorin (Kiki Seiler-Michalitsi) des Kunst Raum Riehen über Protoplast | Vortrag

In der 2. Hälfte der 80er Jahre wurden im Zuge der Sparmassnahmen im Kulturbereich Ausstellungsprojekte zunehmend von Sponsorengeldern abhängig, die weltweite Rezession liess die privaten Ausgaben für Kunstkäufe sinken und nicht selten nahmen grössere Unternehmen mit ihren Kunstsammlungen immer grösseren Einfluss auf den Kunstmarkt und die Kunstproduktion. Für eine junge Generation von Künstlerinnen und Künstlern, die im veränderten kulturellen Klima, wie auch unter dem Einfluss der Kommunikations- und Informationsverarbeitungs-Technologien heranwuchs, bedeutete dies nun neue Wege zu beschreiten, um existentielle Werk- und Lebensformen zu suchen. Mittels ästhetischen Strategien begann man fiktive Gruppenidentitäten wie Firmenimages zu entwerfen, Gruppenaktivitäten und fiktive Projekte, korporative Ästhetik, Corporate Identity sind alsbald zu einem wichtigen Thema der Kunst geworden. Manche der damals entstandenen Jungkollektive haben sich später aufgelöst, andere dagegen konnten auf Grund ihres strategisch-marktorientierten Denkens und Handelns sich weiterentwickeln, national und international bestehen.

Die Ausstellung, die wir heute eröffnen, gilt der Kunstfirma PROTOPLAST AG, einem Kunstunternehmen, das sich vor etwa 14 Jahren an der Schule für Gestaltung, Basel zu formieren begann und 1990 auf Grund der Weltlage und der konstatierten “Sinnkrise der Warenwelt“ als virtuelles Unternehmen mit eingetragenem Markenregister entstand. Diese Kunstfirma möchte ich Ihnen etwas näher vorstellen.

Im Januar 1990 von den drei ersten Protoplastikern, dem Initianten Philippe Cuny, dem Videokünstler Enrique Fontanilles und dem Künstler Alex Silber gegründet, steht sie für eine juristische Person mit einem leitenden Kollektiv und nicht für eine Künstlergruppe. In einer Generalversammlung (mit öffentlichem Geschäftsbericht) im ehemaligen Werkraum Schlotterbeck (Basel), einem ersten Firmenprospekt (“Im Kosmos der Ware“), einer öffentlichen Aktion zum landesweiten Frauenstreik, 1991, (“Jeder Schritt zählt“) und einem Vortrag an der Universität Wuppertal, Abteilung für Kommunikations-Design (“Wo beginnen“) auf Einladung von Bazon Brook, Professor für Ästhetik, wurden Ziel und Zweck der PROTOPLAST AG (Aktionsgesellschaft) vorgestellt.

Die Firmenbezeichnung PROTOPLAST, dem griechischen Sprachfundus entnommen - “Proto“ und “Plast“ bedeutet etwa “Urform, allererste Gestalt deutlich, plastisch werden lassen“ - umschreibt Tätigkeit und Funktion der Firma, was gleichzeitig auch von ihrer Rechtsform, die der “Aktionsgesellschaft“ suggeriert wird. PROTOPLAST ist Pionier und Marktführer im Bereich der Entwicklung, der Herstellung und der Vermarktung von imaginären Produkten. Unter imaginären Produkten versteht PROTOPLAST Marken und deren Zeichen. Das heutige Direktorium besteht aus drei Personen aus Deutschland und der Schweiz (Philippe Cuny, Katja Lagger und Heinrich Schmidt), die verschiedene Tätigkeiten in sich vereinen; es tritt jedoch konsequent als Kunstunternehmen ohne Nennung des Direktionsmanagements auf. Konsequent auch das Erscheinungsbild, die Unternehmens-identität: professionell, im hochkorrekten Outfit eines Dienstleistungsbetriebs, dunklen Anzug, hellen Hemd und strahlend blauen Seidenkrawatten, die Haare gestylt, mit strengen, dickrandigen Kastenbrillen, Firmenlogos am Revers, in der Hand das kaum wegzudenkende blaue Plastikaktenköfferchen mit weissem Firmenaufdruck, kommen sie daher, die Damen und Herren der PROTOPLAST AG; sie treten als Manager, Designer, Marketing-Stratege und Verkäufer in corpore auf, wirken als wären sie Banker oder Handelsreisende, als wären sie selbst fiktives Bild, Simulacrum aus dem Lager ihrer imaginären Produkte und Personifizierung der Corporate Identity zugleich.

“Virtuell“ bedeutet “der Kraft nach vorhanden“ und wird vor allem im Kontext mit Elektronik und Neuen Medien benutzt. “Virtuelle Produkte“ sind gemäss Definition Produkte, die gar keine sind, sondern nur “der Kraft nach“ existieren, solche also, die im unsicheren Gefilde zwischen Realität und Imagination angesiedelt sind. In dieser zwielichtigen Gegend, an der Schnittstelle zwischen virtueller und wirklicher Welt, hat sich PROTOPLAST einquartiert, um als konzeptuelles Unternehmen der Warenwelt innerhalb des Betriebsystems Kunst mit einem reichhaltigen Produktesortiment eine Nische in der Kulturwirtschaft zu erobern – Software der Imagination zwischen Kunst und Warenwelt. PROTOPLAST’s virtuelle oder imaginäre, “paradoxe“ Waren sind Marken und ihre Zeichen, Hybride, die zwischen Warenwelt und Kunstwelt oszillieren. Sie sind mehrdeutige Warenfiktionen oder konkrete Gegenstände, Drucksachen und Schautafeln, Anzeigen auf Billboards oder in Zeitschriften, Bilder, Objekte oder blosse Worte. In der Welt des Konsums und der Werbung imaginiert, werden sie, die Produkte, ins ästhetisch-verführerische Gewand der Werbesprache eingekleidet, um in Form von Werbung und Verpackung vermarktet zu werden. Neu erschaffen, aufgewertet, ihre Materialität durch Substanzialität, ihre Quantität durch Qualität ersetzt, mit imaginären Vorstellungen und emotionalen Qualitäten aufgeladen, werden sie zu begehrenswerten Artikeln, zu Fährten ins Land der Imagination, transzendieren zu Informationen, zu Vektoren für immaterielle Werte, stellen schliesslich “die Fragen zu den Antworten, die konkrete Waren behaupten“ und erweitern den Firmenbegriff – die Aura ist die Botschaft.

PROTOPLAST eignet sich die Rhetorik und Bildwelten der Werbung an, um imaginäre (Kunst)Produkte in den Alltag zu lancieren, gleichzeitig unterläuft sie auf subversive, ironische Weise die Strategien und Marktmechanismen der Warenwelt, indem sie sie entlarvt und exzessiv zu ihren Zwecken benutzt. Und dabei entblösst sich “das Bild der Welt als Bild eines riesengrossen materiellen Warenhauses, in das sich die Welt verwandelt hat“ (B. Steiff). Das Produkt-Placement, die Vermarktung der international geschützten, lizenzierten Produkte geschieht professionell, marktkompatibel, medial verwertbar, konform dem ständigen Austausch von symbolischem und materiellem Kapital, in dem sich diese Wirtschaft bewegt. In Form von Werbung und Werbeveranstaltungen, per Print-Medien, Sound oder Modem, mit Vorträgen und Performances, in Show Rooms und Schauvitrinen, Warenhaus- Kunst- und Theaterhallen, per Radio und Fernsehen, in Galerien, Museen und Pharmazien, auf universitärem Gelände, öffentlichem Asphalt oder anderen Werbeforen werden die angepriesenen Elaborate als ironische Überhöhung von Marketing-Strategien perfekt inszeniert und einem konsumorientierten Publikum präsentiert. Und dennoch, um die ungenützten Potentiale der Werbewelt auszuleben, ist die PROTOPLAST-Warenwelt bewusst nicht nach den Bedürfnissen eines Massenpublikums gerichtet.

Ob als Slogan auf Plakat, LIGHT®-Papiertragtasche oder Kartonboxen, versehen mit den faksimilierten Unterschriften von Künstler-Genies (PICASSO®, MATISSE®, WARHOL® u.a.), ob als VVVIRUS®-Placebo-Pille für Körper, Geist und Computer, ART®-Kalenderkarte oder INDEX®-Börsenzertifikate für mehr Volatilität (emotionale Qualität), ob als Apfel der Erkenntnis (POM-O-PORN®) oder als Bauprojekt GRAU® im Rahmen des Goethe-Geburtstages in der Kulturhauptstadt Weimar, ob schliesslich als Staubsauger (SPHERA+®), Stablampe (UNIVERSEL®) oder als Fernbedienung (ENERGIZER®), um auch die drei Protagonisten, die aktuellsten Innovationen zu nennen, die PROTOPLAST für die Ausstellung in Riehen nach monatelanger Forschung in Warenhäusern und Medien entwickelte und in diesem Haus lanciert und präsentiert werden, Warenästhetik, Werbung und Ökonomie vereinen sie im Produkt um gemeinsam “dem Alltag einen Sinn zu geben“.

“Spiritus Protoplastus“ weht auch über öffentlichem Grund, dem Vorplatz der Gemeindeverwaltung Riehen, wo als missing Link zur Ausstellung im Kunst Raum, NEU®, ein “plakatives“ Warenprodukt, dass als äesthetische Konfiguration auf das Wahrnehmungsmoment im Vorübergehen zugeschnitten ist, ins System urbaner Ordnung gestossen wird, um neue Konsumerlebnisse wirbt. Das Neue als das Noch-nie-Dagewesene, das “Neue als das wertvolle Andere“ (Boris Groys)? Wie auch immer. Und obwohl PROTOPLAST seine Produkte nicht als Kunst, Kunst heute überhaupt als obsolet erachtet, ihre künstlerische Attitüde und Kunstprodukte setzen doch eine lange Tradition fort: sie formulieren künstlerische Praxis in Parallelfunktionen zur Lebenswelt, transponieren gleichzeitig Marcel Duchamps Idee von der Ästhetisierung des Banalen über Dada-Fluxus und immer noch omnipräsente Pop-Kultur in das Zeitalter des e-Commerce, der Logo- und Flyer-Ästhetik.